Freitag, 15. Juni 2018
Geld, Zeit und Hosen
30. April 2007
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Nehmen wir mal meine Hose. Die habe ich vor einem Jahr beim Kippen-Schmidt in Wolfach gekauft. Ich erinnere mich noch genau an die freundliche Verkäuferin. Sie schaute mich kurz von oben bis unten an, verschwand nach hinten und kam kurz darauf wieder. Ich probierte sie an und sie passte, die Hose.

Daran erinnere ich mich noch sehr genau. Ich weiss allerdings nicht mehr, was sie gekostet hat. Wenn ich jetzt ausrechnen würde, wie oft ich sie inzwischen getragen habe, aber sowas kann man gar nicht ausrechnen. Vor allem die freundlich lächelnde Bedienung und wie sie mich so kompetent abgecheckt hat, das liesse sich erst recht nicht in Geld ausdrücken.

Das ist mein Thema. Geld und Zeit. Vorhin habe ich mir den SPIEGEL gekauft und in einem Strassencafé bei einer Tasse Cappuccino darin gelesen. Wirklich gelesen habe ich nur das Inhaltsverzeichnis, den Hohlspiegel, den Artikel über die Tintinologen - weil ich alle Tim und Struppi-Geschichten gelesen habe, auf Französisch, damals in Belgien - und den über das Buch von Peter Handke in der SPIEGEL EDITION. Dabei erfuhr ich überhaupt erst, dass es letztere gibt, mit schon über 50 Bänden. Werde mal nachschauen, was da ausser Handke noch so angeboten wird.

Eine Stunde war schnell rum. Wenn ich noch die Zigaretten dazurechne, die ich dabei geraucht habe, hat sie mich - ich weiss nicht wieviel gekostet. Kommt noch der Verdienstausfall dazu, denn ich hätte in einer Stunde 20 Euro verdienen können statt 10 auszugeben.

Das kann man aber nicht vergleichen. Denn Zeit hat keinen Preis. Je mehr man davon hat, desto reicher ist man. Obwohl man davon mehr verschwendet als einnimmt.

Das wird jetzt zu kompliziert, um es richtig zu erklären. Ich meine nur, dass die wichtigsten Dinge des Lebens sowohl unbezahlbar als auch überhaupt gar nicht käuflich sind. Wie das Lächeln meiner Hosenverkäuferin. Es war auch gar nicht meine, denn eine Hosenverkäuferin gehört einem nicht. Auch die Zigaretten, die ich beim Vertrinken des Cappuccinos verraucht habe, haben mir nicht richtig gehört. Und wenn, dann nur ganz kurz. So ist das mit allem.

Den SPIEGEL zu kaufen war reine Verschwendung. Aber die Zeit, die ich mit ihm verbrachte, wovon er den grössten Teil unberührt auf dem Tischchen vor mir lag, war mir ein kostenloser Gewinn. Ich schaute viel um mich herum, betrachtete das Treiben beziehungweise die untätig in der Sonne sitzenden Leute auf dem Rathausplatz und dachte über das Besitzen nach.

Das würde jetzt zu weit führen, wenn ich erklären müsste, dass und wie ich zu keinem richtigen Schluss kam. Ich weiss nur noch, dass ich dachte, dass es immer um Geld und Besitz, Kaufen und Verkaufen geht, auch grade wenn man so eine Zeitschrift mit so vielen Anzeigen durchblättert. Wenn man Leute sieht, die sich vielleicht grade was Neues zum Anziehen gekauft haben und jetzt mit einem teuren Handy in einem Strassencafé sitzen und teuer telefonieren oder mit ihren Mitsitzern über Preise oder Handys sprechen. Was das alles kostet.

Von einem neuen Auto will ich gar nicht reden. Oder einem Haus. Sowas ist mir viel zu teuer und kommt für mich nicht in Frage. Selbst mit einem langen Ratenvertrag könnte ich ein Rathaus nicht abbezahlen. Werde jetzt noch eine rauchen.

Die Hose gefällt mir immer noch. So eine kriege ich nie wieder.

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