Montag, 28. Mai 2018
Aus den Wolken gefallen
9. Februar 2009
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Womit ich meine Leserschaft beglücken möchte (nach dem, mich selber damit zu beglücken, das zweitwichtigste Ziel meines Schreibens), ist, ihnen neue und eigene Gedanken mitzuteilen, die sie in dieser Form noch nicht gelesen haben, die ihre eigenen schon waren oder erst noch werden, und in denen sie sich wohlfühlen wie ich dies tue, während ich sie niederschreibe.

Ich meine damit Gedanken, die sich bis zum Zeitpunkt des Aufschreibens und dann auch während des Schreibens noch weiter entwickeln, meine ganz eigenen und privaten sind, ohne dass sie sich jedoch um Dinge drehen müssten, die nur mich allein betreffen, und die die Leser schon deshalb nicht interessieren würden, weil sie sie nicht auf sich selber übertragen und in ihr eigenes Leben und Denken integrieren können oder wollen.

Lesen und Schreiben sollen meiner Ansicht nach nicht nur beiden Beteiligten Ruhe und Erkenntnisse vermitteln, die ihnen das Leben lebenswert und interessant machen, sondern auch Lebensgefühle verschaffen, die einerseits über das alltägliche und aktuelle Geschehen, sei es privater oder politischer Natur, hinausgehen, andererseits sich aber doch nur mit diesem auf eine Weise befassen, die allen zuträglich ist, weil sie dazu beitragen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Nun gibt es allerdings nichts Unwichtiges und einiges, was wir dafür halten, ist oft wichtiger als grosse, feierliche oder katastrophale Ereignisse oder Naturkatastrophen, auf die wir letztlich keinen Einfluss haben, weswegen es oft müssig, sinnlos oder gar schädlich ist, sich mehr mit ihnen zu befassen als unserem persönlichen Wohl zu dienen vermag.

Mit diesen Gedanken, beziehungsweise nach deren Niederschrift und mit dem Bewusstsein, dass ich erst den Anfang von dem formuliert hatte, was ich sagen wollte, ging ich gestern Abend, ohne noch ein Buch zur Hand zu nehmen, das mich von ihnen abgelenkt hätte, zu Bett und schlief auch sofort ein.

Beim Aufstehen heute morgen um acht wusste ich noch genau, mit welchen Worten ich das Weiterschreiben beginnen wollte, weil sie mir noch in den Kopf gekommen waren, während ich meine Gutenachtzigarette, im Schneidersitz auf dem Bett, geraucht hatte.

Ich wusste, dass ich den Faden wieder aufnehmen wollte, jedoch nicht, wie ich ihn weiterspinnen würde. An dieser Stelle des Nichtwissens befinde ich mich in diesem Augenblick. Ein neuer Tag beginnt. Ich werde den Himmel fotografieren.

Eine liebe Leserin schrieb mir vor einigen Tagen von ihrer Bodenständigkeit, die sich unter anderem darin äussere, dass es ihr noch heute passiere, dass sie im Keller automatisch zu der Stelle greife, an der sich bis vor fünfzehn Jahren der Lichtschalter befunden hatte.

Ich habe schon sehr oft den Wohnort gewechselt und entdecke so immer wieder den Zauber des Neuen. Dies bezieht sich auf Menschen, auf Wohnungen und manchmal auch auf den Reiz des Tagesbeginns, wenn ich nicht sofort an zu erledigende Arbeiten oder kurz bevorstehende Termine denken muss.

Seit etwas mehr als einem Monat wohne ich unter einem neuen Himmel. Wenn ich von Natur aus bisher nicht sehr bodenständig war, so werde ich von jetzt an vielleicht wenigstens himmelständig.

Ich vermute, dass mir neue Gedanken weniger aus dem Boden wachsen, sondern eher aus Himmeln und Wolken fallen. Oder in ihre Dunkelheit aufsteigen.


"Comme les mots tombaient dans mon journal"
(Wie die Wörter in mein Tagebuch fielen),
für Schreibman gemalt von Franziska Scherer

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